Wenn aus dem Surfbrett ein Bügelbrett wird

by - Januar 13, 2018

Wie ein altes Festivalshirt zur Zeitmaschine in die Vergangenheit werden kann, war mir bis heute nicht klar. Aber jetzt, wo der Jahreswechsel vollzogen ist, und ich umgeben bin von Artikeln wie "Wie Sie Ihre Ziele in 2018 garantiert erreichen" und an der Arbeit die Zielgespräche anstehen, frage ich mich ernsthaft, was aus den Zielen wurde, die ich als damals Festival-Shirt-tragendes-Mädchen hatte.



     
Eine Sinnkrise lösen die alten Festival-Shirts bei mir sicher nicht aus, ich merke aber, dass ich die Welt und die Zeit anders betrachte, als noch vor 5 oder 10 Jahren. Was ist aus all der Begeisterung und dem Mut von damals geworden? Ich denke also darüber nach, warum ich damals so war wie ich war und wie ich eigentlich war. Stundenlang lief der CD-Player, manchmal musste ich mich bremsen, um mich nicht an der neu gekauften Maxi-CD satt zu hören. Mein Erfolg gibt mir recht, das ist tatsächlich nie passiert, was mich daran zweifeln lässt, ob man sich an einem Titel satt hören kann.


Sturm und Drang, lass uns Wellenreiten gehen

Klar war das auch eine Zeit, in der ich ein gewisses Markenbewusstsein entwickelte, aber irgendwie lag meine Priorität nicht auf Shopping, sondern Freundinnen treffen stand ganz oben auf der To Do Liste (die ich damals noch nicht führte). Am liebsten traf ich sie in meiner Lieblingsdiskothek, in der laute Rockmusik gespielt wurde, in der Cola-Whisky damals 1 Euro kostete und es kopfschmerzverursachenden Kirschwein in Flaschen gab. Dazu wurde getanzt, irgendwie. Es war kein Tanzen, es war Abhotten, Freestyle, aber wie das aussah war mir recht egal. Mir war so ziemlich viel egal, was Andere dachten, wenn ich Nietengürtel auf Cordhosen trug.

     
Was meine Berufswünsche angingen, nun ja, die Gedanken daran haben sich heute nicht geändert. Ich war schon damals beeindruckt von den Menschen in meiner Umgebung, die genau wussten, was sie wollten. Nicht zuletzt, weil ich es selbst nie wusste. Ich war immer etwas kreativer unterwegs, irgendwas mit Medien - Schülerzeitung, Radio, Bands auf Festivals interviewen. Das war genau mein Ding. Und daneben las ich Goethe, Fromm und Freud mit Vergnügen in der Schulbibliothek, die ich in meinen Pausen ehrenamtlich aufschloss und sortierte. Dabei würde ich mich weder heute noch damals als Bücherwurm bezeichnen, es war eben doch eine Zeit, in der ich mehr Wissen sammeln wollte und ich den Fluter abonniert habe.


Irgendwas, das bleibt

Das Einzige, was davon noch übrig ist, ist das Fluter-Abonnement. Das kommt nun regelmäßig als letzte Post an meine Adresse bei meinen Eltern und wird von meiner Mutter gelesen. Alles andere ist irgendwie verschwunden, obwohl das nicht das richtige Wort ist, es wurde ersetzt.

Statt einem CD-Player streame ich jetzt, aber nicht mehr die Musik von früher (außer neulich als Chester Bennington starb). Ich habe mir eine Yoga-Namaste-Playlist heruntergeladen. Mein Autoradio ist seit dem letzten Batteriewechsel tot und ich bin final angehangen, was das Thema Charts angeht. Aber Menschen, die auf die Frage, welche Musik sie hören mit "Charts!" antworteten, waren mir ohnehin suspekt. Kein Verlust.

Freunde treffen muss nun als Event dick in den Kalender eingetragen werden, aber nur am Wochenende. Sonst sieht es zeitlich dünn aus. Social Media hat auch nicht wirklich dazu beigetragen, sich sozialer und gemeinsamer zu fühlen. Früher war man auch irgendwie gleicher, alle wollten erstmal nur das Abi schaffen. Heute macht jeder so sein Ding, und an manchen Weggabelungen sind die einen links, die anderen rechts weitergelaufen.


Umwege erhöhen die Ortskenntnis

Was meine nichtvorhandenen Jobwünsche angingen setzte ich auf die Devise, ausprobieren, bis das Richtige dabei ist, was mir Spaß macht. Hauptsache erstmal meine Kreativität ausleben. Meinem Deutschlehrer habe ich dann das immer noch gültige Motto zu verdanken: "Umwege erhöhen die Ortskenntnis". Früher habe ich alle zwei Jahre auf eine ganz neue Karte gesetzt. Diesen Mut habe ich heute nicht mehr, nicht weil ich mich nicht traue, Neues anzugehen, sondern weil ich verstanden habe, dass ich in keinem Job die Welt noch nachhaltig besser machen kann. Und die Komfortzone beschert mir da ein gutes und ordentliches Mittelmaß. Damals hatte ich einen Plan - dass alles gut wird. Und das war genug.



     
Heute habe ich zu oft den Eindruck, dass das nicht mehr reicht. Zwischen Selbstoptimierung und dem perfekten Eindruck, den ich nach außen hinterlassen soll, fällt es schwer, ein gut gemeintes Tutorial zum perfekten Irgendwas-Ziel gutzuheißen. Darf ich außer zu mir selbst sagen, dass ich keine Ziele habe, außer gesund zu bleiben und glücklich zu sein oder bin ich dann ein Loser? Ich setze mir als Ziel, darauf eine Antwort zu finden.

Habt ihr Ziele? Oder setzt ihr euch bewusst nicht mit Zielen unter Druck? Wollt ihr dieses Jahr etwas bestimmtes erreichen?

Eure Desirée

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2 Kommentare

  1. Liebe Desirée,

    dein Blog gefällt mir wirklich gut. Auch wenn es ihn noch nicht lange gibt, kann man sehen, dass du hier schon einiges an Arbeit geleistet hast. :) Zu deinem Post: Ich bin ein sehr organisierter Mensch und habe dadurch immer fast automatisch einen kleinen Plan im Kopf. Ganz egal, ob es darum geht die nächste Woche zu planen oder endlich mit der Jobsuche anzufangen.
    Vorsätze für 2018 habe ich mir jedoch nicht gemacht, in der Hinsicht lasse ich einfach alles mal auf mich zu kommen, da ich momentan ja eh etwas in der Schwebe bin. :)

    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag!


    Liebe Grüße
    Lisa Marie

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    1. Liebe Lisa Marie,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Glück, bei der Suche und dass deine Pläne auch in Erfüllung gehen.
      Liebe Grüße
      Desirée

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