Kassel, du bist mir nicht peinlich #1

by - Februar 06, 2018

Zugegeben, als Nordhesse fällt es nicht schwer, Kassel zu mögen. Aber an einer Stadt zu hängen, wenn man dort nicht aufgewachsen ist und 200km entfernt arbeitet? Für Viele keine Option, aber warum die Heimat verlassen und andere Kompromisse eingehen? Auf den Spuren meiner Stadt und ein Liebesbrief an Kassel (und das wird nicht der letzte sein).


   
Concrete Jungle - Beton, 60er Jahre Bauten, keine Altstadt

Letzte Woche waren wir zum ersten Mal nach seinem Umbau im Stadtmuseum. Das Museum hat einen schicken Anbau mit Sichtbeton Treppenhaus bekommen. Man muss das Treppenhaus nicht schön finden, aber der concrete Jungle passt zu Kassel und seiner Geschichte wie die Faust aufs Auge. Die Stadt wurde fast komplett im zweiten Weltkrieg zerstört, dabei war sie einst Hessische Landeshauptstadt und wurde als schönste Residenzstadt Deutschlands beschrieben. Nach der Zerstörung folgte ein kompletter Neuaufbau, was das Stadtbild bis heute prägt. Keine Altstadt, 60er Jahre Bauten, ein paar versprengte Altbauvillen - ein wilder Haufen Architektur ohne klare Linie. Aber dafür findet jeder hier seine Ästhetik und einen Stadtteil zum Bleiben oder Zurückkehren - Kassel ist die Stadt mit den meisten "Heimkehrern", die sie von anderen Städten wiedergewinnt. Auch ich habe es mal mit Frankfurt versucht, erfolglos.

   
Kassel, blick nicht zurück

Als ich 2006 nach Kassel gezogen bin, habe ich mir nicht vorstellen können, dass Kassel mein Herz erobern würde. Damals habe ich viel Armut wahrgenommen. Es gab mal einen Artikel auf Zeit Online, der von einem Leser mit den Worten kommentiert wurde, die Menschen in der Stadt sähen aus, als sei gerade ein Takko Markt explodiert. Die Dichte an 1-Euro-Shops war tatsächlich in meiner Wahrnehmung relativ hoch. Und ich habe in keiner guten Ecke gewohnt (aber selbst diese Ecke war auch damals schon ungefährlich). Seither ist Kassel nur noch aufgestiegen. Es wurde in neue Gebäude investiert, zum Wohnen und Lernen, hippe Gastronomen sind mit ihren Konzepten an den Markt gegangen, kulturell wuchs das Angebot mit Grimmwelt und Feierkultur. Kassel ist irgendwie anders als andere Städte - offen für Neues.








Du bist mir nicht peinlich

Mit der Liebe für eine Stadt ist es nicht viel anders als zu Menschen. Wenn ich in Frankfurt bin, denke ich an Kassel, vermisse meine Heimat und es ist mir nicht peinlich, meinen Kollegen von den schönen Seiten der Stadt zu berichten und ins Schwärmen zu geraten. Sie alle kennen Kassel nur vom Umsteigen auf dem kalten und windigen Bahnhof Wilhelmshöhe (gerne von ihnen und der Deutschen Bahn ausgesprochen "Wil'helmshöhe" statt "Wilhelmshö'he" oder auch einfach "Die Rampe" genannt). Wenn sie nur wüssten, wie nah es von da bis zum wunderschönen Bergpark und dem Herkules ist. Vielleicht liegt es daran, dass ich hier zuhause bin, aber ich kenne keine Stadt, in der die Bewohner so sehr an ihren Sehenswürdigkeiten hängen und sie auch regelmäßig besuchen - das erste Date auf dem Herkules, joggen in der Karlsaue, Kaffee vor der Orangerie. Ich verstehe absolut, wenn Kassel nicht die Liebe auf den ersten Blick ist, aber sie ist es auf den zweiten.


Man kennt sich - auf gute Nachbarschaft!

Kassel ist ein Dorf, trotz der 200.000 Einwohner. Vielleicht liegt es daran, dass ich hier einst bei einer lokalen Bank viele Kunden bedient habe oder vor Ort studiert habe, aber es vergeht kein Stadtbummel oder Ausflug ohne nicht ein bekanntes Gesicht gesehen zu haben. Man kennt sich nicht nur, man trifft sich auch, z.B. am 23. Dezember vorm Fes. Ehemalige Kasseler Schüler treffen sich jedes Jahr hier zum Feiern und sorgen vor der bekannten Kneipe für den jährlichen Austausch von Gossip und Straßensperrungen. Davon profitiert auch die lokale Zeitung HNA, die neben dem Flughafen Calden und Milky Chance nun wieder etwas zu berichten hat. Kassel ist einfach klein genug, dass man sich noch auf der Straße grüßt, was manchmal als provinziell wahrgenommen wird, aber auch Teil des Heimatgefühl ist. Am 1. Advent hängen bei uns selbst gebackene Plätzchen von der Nachbarin an der Wohnungstür.


Kultur für's nächste Wochenede:

Die Stadt hat sich so sehr gewandelt und zeigt ihre schönsten Seiten nicht nur alle 5 Jahre zur documenta. Bei der drittgrößten Museumsdichte wird es hier nicht langweilig. Als Einheimischer (egal ob Kasseler, Kasselaner oder Kasseläner) geht kein Weg am Stadtmuseum vorbei. Dort geht man auf Entdeckungsreise und erkennt Orte wieder, die einst ganz anders aussahen. Bis zum 9. September 2018 wird eine Sonderausstellung zu bekannten Persönlichkeiten aus Kassel gezeigt (auch hier sind wieder Milky Chance dabei). Und die Kasseler können sich mit dem Hashtag "Hingucker" daran beteiligen. Mehr Infos zur aktuellen Sonderausstellung gibt es hier.

Kennt ihr Kassel? Was mögt ihr hier besonders? Würde mich über eure Meinung zur Stadt freuen.

Eure Desirée

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