A.R.M. aber okay - Ein Stück Stadtgeschichte #2

by - Februar 12, 2018

Wer Geschichten mag, wird Kassel lieben - vor allem, wenn es düstere sind. In Kassel verwebt sich an manchen Orten die Geschichte von damals mit heutiger Kultur wie in keiner anderen Stadt. Immer neue Perspektiven tun sich vor meinen Augen auf und die Puzzleteile sammeln sich zu einem Bild, das nie vollständig werden wird. Wird meine Begeisterung für diese Stadt jemals abreißen? In meinem Post zu meiner Sicht auf Kassel und ein bisschen Stadtgeschichte (hier), habe ich einen Liebesbrief an diese Stadt verfasst. Hier kommt die Fortsetzung.


Ich hatte nie vor, den Blog allein meiner (Wahl-)Heimatstadt zu widmen. Aber ich komme gerade davon nicht los, vielleicht, weil ich gern wieder ganz hier wäre - dazu vielleicht an anderer Stelle mehr. Erstmal zu diesem Post: Wir hatten am letzten Wochenende durch Zufall erfahren, dass es einen Tag der offenen Tür auf dem A.R.M.-Gelände geben würde (A.R.M. = Arbeitskreis Rhythmussuchender Menschen). Das bedeutete Mädchenflohmarkt, Party und Führungen über das Gelände.


Freigeister vom Aussterben bedroht?

Die Führungen wurden von Ralph Raabe, dem Miteigentümer des Geländes, persönlich geleitet. Vor 25 Jahren erwarb er das über 2000qm große Gelände in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Seitdem haben sich auf dem Gelände die unterschiedlichsten Räume entwickelt (A.R.M., Lolita Bar, Weinkirche, Tingeltangel, Wiese, Zaubergarten etc.). Das A.R.M.-Gelände ist der letzte innerstädtische Veranstaltungsort in Kassel und überall da, wo Freigeister ihr Wesen treiben, eine bedrohte Art. Auf der einen Seite steht das Hotel Reiss, die ihren Ballsaal zugunsten neuer Wohnräume abreißen werden, auf der anderen Seite warten Neubauten für Universitätsprofessoren mit schicken Balkonen auf ihren Baubeginn und eine saubere Aussicht.

 
Bier in Strömen, aber aus der Flasche

Wenn ich das Wort Disko schreibe, dann fühle ich mich direkt wieder wie 18. Und das muss auch ungefähr der Zeitpunkt gewesen sein, als ich das letzte Mal in der Lolita Bar war (damals wurde hier noch geraucht). Die Lolita Bar war wohl die erste Bar in Kassel, in der es Bier aus Flaschen gab, überall sonst wurde traditionell gezapft. Die Kasseler Gastronomen fassten sich an die Köpfe, aber das Konzept ging auf. Die Bar ist gefühlt winzig, knapp unter der Decke gibt es Haltestangen, an denen man sich festhalten kann, wenn man nur noch einen Stehplatz auf den Banklehnen bekommen hat. So läuft das da.


Nachts im Museum - tagsüber in der Disko

Im A.R.M. selbst war ich tatsächlich noch nie (aber dafür in New York - Schande über mich). Das Besondere an diesem Partykeller ist eine Entdeckung, die Schlagzeilen machte. Als der Club hergerichtet werden sollte und von Müllbergen befreit war, stießen Raabe und sein Team auf eine unscheinbare Tür. Sie öffnen sie und gelangten in ein Kellergewölbe, das noch nahezu aus Kriegszeiten erhalten war. Dieser Keller war einst Bunker und sollte die Kasseler vor den Bomben retten. Tatsächlich überlebte als Einzige in der Bombennacht am 22. Oktober 1943 nur eine heute noch lebende Frau, die als damals 3jährige im rauchdurchzogenen Keller zu Boden sank und die wenigen Zentimeter Luft direkt über der Erde einatmen konnte. Die sogenannte Weinkirche diente vor dem Krieg als Weinkeller eines Kasseler Weinhändlers und ist heute ein wunderschöner Veranstaltungsort. Übrigens wurde hier auch ein Teil des Kinofilms "EneMe", einer Kasseler Filmproduktion, gedreht.


Ich kann bei Weitem nicht alle Geschichten und Anekdoten aus dieser wunderbaren Führung wiedergeben. Wenn ihr beim nächsten Tag der offenen Tür die Gelegenheit bekommt, durch die Räume geführt zu werden, nutzt sie! Es war wirklich beeindruckend, den Hintergrund hinter diesem widerspenstigen Fleckchen Kultur zu erfahren, der dem Kapitalismus seit seiner Entstehung den Mittelfinger zeigt - mit Recht.


Zum 75jährigen Gedenken an die Bombennacht in Kassel gibt es übrigens ein Special auf dem A.R.M.-Gelände. Genug aber der gedrückten Stimmung, Party hard!

Geht ihr eigentlich noch so richtig feiern? Manchmal habe ich den Eindruck, ich bin aus dem Alter raus und bin lieber abends auf dem Sofa.

Eure Desirée

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